KI-Agenten in der Volksschule – Chancen und Grenzen für Lehrpersonen in der Schweiz
Kategorie: Bildung & Weiterbildung | Lesezeit: 14 min | Datum: März 2026
Einleitung: KI ist im Klassenzimmer angekommen
Während Hochschulen und Unternehmen bereits intensiv über KI-Strategien diskutieren, stellt sich die entscheidende Frage immer drängender: Was bedeutet der Einzug von KI-Agenten für die Volksschule – also für jene Bildungsstufe, auf der die Grundlagen für alles Weitere gelegt werden? Und was bedeutet er konkret für die rund 100'000 Lehrpersonen in der Schweiz, die täglich mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 bis 15 Jahren arbeiten?
Die Antwort ist komplex. KI-Agenten bieten der Volksschule erhebliche Chancen: Sie können Lehrpersonen administrative Aufgaben abnehmen, Lernende mit adaptiven Übungen unterstützen und Differenzierung im Unterricht vereinfachen. Gleichzeitig stossen sie an klare Grenzen – pädagogische, ethische, rechtliche und entwicklungspsychologische. Und sie treffen auf ein Bildungssystem, das in der Schweiz durch einen einzigartigen Föderalismus geprägt ist: 26 Kantone, unterschiedliche Schulstrukturen, und ein gemeinsamer Rahmen namens Lehrplan 21.
Dieser Artikel beleuchtet, wo KI-Agenten in der Volksschule sinnvoll eingesetzt werden können, wo klare Grenzen gezogen werden müssen, wie der Lehrplan 21 den Rahmen setzt, und wie die Kantone unterschiedlich auf diese Herausforderung reagieren.
1. Der Lehrplan 21 als Rahmen: Was er vorgibt – und was er offen lässt
Der Lehrplan 21 (LP21) ist das gemeinsame Curriculum der 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone der Schweiz. Er wurde 2014 von der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK) verabschiedet und bis 2018 in allen beteiligten Kantonen eingeführt. Der LP21 regelt, was Schülerinnen und Schüler in der Volksschule lernen sollen – von der Eingangsstufe (Kindergarten) bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit (9. Klasse).
Das Modul «Medien und Informatik»
Für den Umgang mit digitalen Technologien – und damit auch mit KI – ist das Modul Medien und Informatik zentral. Es umfasst drei Bereiche:
- Medien: Medienkompetenz, kritisches Denken, Informationsbeurteilung
- Informatik: Algorithmisches Denken, Programmiergrundlagen, Datenstrukturen
- Anwendungskompetenzen: Praktischer Umgang mit digitalen Werkzeugen
Künstliche Intelligenz war bei der Einführung des LP21 noch kein explizites Thema. Das Modul enthält jedoch Kompetenzen, die für den Umgang mit KI grundlegend sind: das Verstehen von Algorithmen, das Erkennen von Datenstrukturen, das kritische Hinterfragen von Informationsquellen und das Bewusstsein für Datenschutz. Diese Kompetenzen bilden eine solide Basis, auf der KI-spezifische Inhalte aufgebaut werden können.
Was der LP21 nicht regelt
Der LP21 legt keine konkreten Tools oder Technologien fest – und das ist bewusst so gewählt. Die Lehrplanvorlage soll langfristig Bestand haben und nicht bei jeder technologischen Entwicklung angepasst werden müssen. Die Frage, ob und wie KI-Agenten im Unterricht eingesetzt werden, liegt damit weitgehend bei den Kantonen, den Schulleitungen und letztlich bei den einzelnen Lehrpersonen.
Eine Evaluation der Lehrplanvorlage LP21 im Hinblick auf KI-spezifische Kompetenzen ist laut aktuellem Stand (2026) von der EDK nicht geplant. Stattdessen setzt die Konferenz auf Ergänzungsmaterialien, Weiterbildungsangebote und kantonale Initiativen.
| Kompetenzbereich LP21 | Relevanz für KI | Konkrete Anknüpfungspunkte |
|---|---|---|
| Algorithmen verstehen | Hoch | Wie funktioniert ein KI-Modell? |
| Daten und Datenschutz | Sehr hoch | Welche Daten nutzt KI? Wem gehören sie? |
| Informationen beurteilen | Sehr hoch | Wie erkenne ich KI-generierte Inhalte? |
| Kreatives Gestalten mit Medien | Mittel | KI als kreatives Werkzeug |
| Kommunikation und Verhalten | Mittel | Ethik im Umgang mit KI-Systemen |
2. Chancen: Wo KI-Agenten Lehrpersonen wirklich entlasten können
Die Schweizer Volksschule steht unter erheblichem Druck: Lehrpersonenmangel, steigende Heterogenität in den Klassen, wachsende administrative Anforderungen und der Anspruch auf individuelle Förderung. KI-Agenten können in diesem Kontext an mehreren Stellen sinnvoll eingesetzt werden.
Unterrichtsvorbereitung und Differenzierung
Lehrpersonen verbringen durchschnittlich 30 bis 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Unterrichtsvorbereitung. KI-Agenten können hier erheblich entlasten: Sie können auf Basis eines Lernziels differenzierte Aufgaben für verschiedene Leistungsniveaus generieren, Lernmaterialien in vereinfachter Sprache aufbereiten oder Übungsaufgaben mit Musterlösungen erstellen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Lehrperson der 5. Klasse möchte das Thema «Bruchrechnen» einführen. Ein KI-Agent kann innerhalb von Sekunden drei Aufgabensätze auf unterschiedlichem Schwierigkeitsniveau erstellen – mit visuellen Darstellungen für Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten, Standardaufgaben für die Mehrheit und Transferaufgaben für leistungsstarke Kinder. Was früher 30 Minuten Vorbereitungszeit kostete, dauert nun 5 Minuten.
Adaptive Lernunterstützung
Adaptive Lernsysteme – also KI-gestützte Plattformen, die sich dem Lernstand der Schülerinnen und Schüler anpassen – sind bereits in verschiedenen Schweizer Schulen im Einsatz. Plattformen wie Mathilda (Mathematik), Sofatutor oder internationale Angebote wie Khan Academy nutzen KI, um Übungsaufgaben automatisch an den Lernstand anzupassen.
Diese Systeme können Lehrpersonen wertvolle Daten liefern: Welche Schülerinnen und Schüler haben Mühe mit welchen Konzepten? Wo sind Lücken? Diese Informationen ermöglichen eine gezieltere Förderung im Unterricht.
Administrative Entlastung
Ein oft unterschätztes Potenzial liegt in der administrativen Entlastung. KI-Agenten können:
- Elternbriefe und Mitteilungen in mehrere Sprachen übersetzen (relevant in Klassen mit hohem Migrationsanteil)
- Standardisierte Beurteilungstexte vorschlagen, die die Lehrperson dann anpasst
- Sitzungsprotokolle transkribieren und zusammenfassen
- Stundenpläne und Raumplanungen optimieren
In Kantonen mit hohem Anteil an fremdsprachigen Familien – etwa Genf, Basel-Stadt oder Zürich – kann die automatische Übersetzung von Elterninformationen die Kommunikation erheblich verbessern.
Inklusion und Sprachförderung
KI-Agenten bieten besondere Chancen für die Inklusion. Für Schülerinnen und Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) können KI-Tools Texte vorlesen, vereinfachen oder in andere Formate umwandeln. Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache können KI-Agenten Erklärungen in der Erstsprache liefern oder Vokabeln kontextuell erklären.
3. Grenzen: Wo KI-Agenten in der Volksschule nicht hingehören
So real die Chancen sind, so klar sind auch die Grenzen. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) hat in seinem Positionspapier «Künstliche Intelligenz in der Schule: Chancen nutzen, Herausforderungen meistern» (Mai 2024) klare Forderungen formuliert, die diese Grenzen beschreiben.
Die pädagogische Beziehung ist nicht ersetzbar
Die Beziehung zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern ist das Fundament des Lernens. Zahlreiche Studien belegen, dass die Qualität dieser Beziehung einer der stärksten Prädiktoren für Lernerfolg ist. KI-Agenten können Informationen liefern, Aufgaben generieren und Feedback geben – aber sie können keine echte Beziehung aufbauen, keine emotionale Resonanz erzeugen und keine moralische Vorbildfunktion übernehmen.
Der LCH betont ausdrücklich: KI-Systeme sollen die Lehrperson unterstützen, nicht ersetzen. Die pädagogische Verantwortung bleibt immer beim Menschen.
Entwicklungspsychologische Grenzen
Kinder in der Volksschule befinden sich in sensiblen Entwicklungsphasen. Für Kinder im Kindergarten und in der Unterstufe (1.–3. Klasse) ist der direkte, haptische und soziale Lernzugang zentral. Bildschirmzeit und KI-gestützte Systeme sollten in diesen Altersgruppen sehr begrenzt eingesetzt werden.
Ab der Mittelstufe (4.–6. Klasse) können digitale Tools sinnvoller integriert werden – aber immer in Ergänzung zu analogen Lernformen, nicht als Ersatz. Die Oberstufe (7.–9. Klasse) bietet mehr Spielraum für den reflektierten Einsatz von KI-Agenten, setzt aber ein entsprechendes Medienkompetenz-Fundament voraus.
Datenschutz und DSG-Compliance
Der Einsatz von KI-Systemen in der Volksschule unterliegt strengen datenschutzrechtlichen Anforderungen. Das revidierte Schweizer Datenschutzgesetz (DSG), in Kraft seit September 2023, stellt hohe Anforderungen an die Bearbeitung von Personendaten – und Schülerdaten sind besonders schützenswert.
Konkret bedeutet das:
- KI-Tools müssen auf Schweizer oder EU-Servern betrieben werden (kein unkontrollierter Datentransfer in Drittstaaten)
- Eltern müssen über den Einsatz von KI-Systemen informiert werden
- Schülerinnen und Schüler dürfen keine persönlichen Daten in öffentliche KI-Systeme eingeben
- Schulen brauchen klare Nutzungsvereinbarungen mit KI-Anbietern
Der Kanton Zürich hat in seinen Leitsätzen explizit festgehalten: «Die Schulen gewährleisten, dass der Zugang und die Nutzung von KI in der Volksschule den Datenschutzbestimmungen und den übrigen gesetzlichen Bestimmungen entsprechen.»
Das Risiko der Kompetenzverarmung
Ein grundsätzliches pädagogisches Risiko liegt in der Kompetenzverarmung: Wenn Schülerinnen und Schüler für Aufgaben, die sie selbst lösen sollten, auf KI-Agenten zurückgreifen, werden wichtige kognitive Prozesse umgangen. Das Schreiben eines Aufsatzes, das Lösen einer Mathematikaufgabe oder das Recherchieren eines Themas sind keine blossen Mittel zum Zweck – sie sind selbst Lernprozesse, die Denkfähigkeiten aufbauen.
Lehrpersonen stehen vor der Herausforderung, KI als Werkzeug zu integrieren, ohne dass es zum Denkersatz wird. Das erfordert neue didaktische Konzepte: Aufgabenformate, die KI sinnvoll einbinden, ohne die eigenständige Denkleistung zu ersetzen.
4. Kantonale Unterschiede: Ein Flickenteppich mit Qualität
Die Schweiz ist ein Bundesstaat mit ausgeprägtem Bildungsföderalismus. Bildung ist primär Ländersache – und das bedeutet, dass die 26 Kantone sehr unterschiedlich auf die Herausforderung KI in der Volksschule reagieren.
Kanton Zürich: Leitsätze statt Verbote
Der Kanton Zürich hat 2023 als einer der ersten Kantone einen Leitfaden für KI im Bildungswesen veröffentlicht und 2024 fünf Leitsätze für die Volksschule formuliert. Statt starre Regeln aufzustellen, setzt Zürich auf Orientierung: KI soll als integraler Bestandteil der modernen Gesellschaft anerkannt werden, als kreatives Werkzeug genutzt werden, und der Zugang soll für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Herkunft gewährleistet sein.
Die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) hat ein eigenes KI-Wiki entwickelt und bietet Lehrpersonen Weiterbildungen zu KI im Unterricht an. Das Zentrum Medienbildung und Informatik (ZEMBI) unterstützt Schulen mit konkreten Unterrichtsmaterialien.
Kanton Bern: PHBern als Vorreiter
Der Kanton Bern setzt stark auf die Pädagogische Hochschule Bern (PHBern) als Kompetenzzentrum. Die PHBern bietet Weiterbildungskurse wie «KI in der Schule» an und entwickelt laufend neue Angebote. Die Nachfrage ist laut PHBern gross – ein Zeichen, dass Lehrpersonen Orientierung suchen.
Das kantonale Bildungsportal education.bkd.be.ch stellt Lehrpersonen konkrete Hinweise zur Verfügung, wie KI richtig und sinnvoll genutzt werden kann.
Kanton Solothurn: Systematische Evaluation
Der Kanton Solothurn hat 2026 einen umfassenden Bericht «Schule in der Digitalität – KI-Anwendungen» veröffentlicht, der systematisch evaluiert, welche KI-Anwendungen für den Schulbereich geeignet sind. Grundlage waren die Cloud-Kriterien des Bildungsraums Nordwestschweiz, die Datenschutzanforderungen und pädagogische Eignung kombinieren.
Kanton Schaffhausen: Reflexion über LP21-Grenzen
Der Kanton Schaffhausen hat in einem Schlussbericht zur Einführung des LP21-Moduls «Medien und Informatik» explizit festgehalten: «KI im Bildungsbereich war bei der Einführung des LP21 noch kein Thema, doch nur wenige Jahre später beschäftigt KI auch die Schaffhauser Volksschule.» Dies zeigt, dass der LP21 in seiner aktuellen Form die KI-Thematik nicht vollständig abdeckt – und dass Kantone eigenständig handeln müssen.
Westschweiz und Tessin: Eigene Lehrpläne, ähnliche Herausforderungen
Die Westschweiz folgt dem Plan d'études romand (PER), das Tessin dem Piano di studio. Beide Lehrpläne haben ähnliche Strukturen wie der LP21, aber eigene Schwerpunkte. In der Westschweiz hat die EDK-Präsidentin Silvia Steiner Ende 2024 öffentlich gefordert, den Fremdsprachenunterricht angesichts von KI-Übersetzungstools grundlegend zu überdenken – ein Zeichen, dass KI auch in der Westschweiz die bildungspolitische Debatte prägt.
| Kanton / Region | Ansatz | Besonderheit |
|---|---|---|
| Zürich | Leitsätze, PHZH KI-Wiki | Früher Vorreiter, strukturierter Rahmen |
| Bern | PHBern Weiterbildung | Grosse Nachfrage, praxisorientiert |
| Solothurn | Systematische Evaluation | Cloud-Kriterien, Datenschutzfokus |
| Schaffhausen | LP21-Reflexion | Explizite Lückenanalyse |
| Westschweiz (PER) | Sprachunterricht-Debatte | EDK-Präsidentin als Impulsgeberin |
| Tessin (Piano di studio) | Eigener Lehrplan | Enge Anlehnung an italienisches System |
| Alle Kantone | Eigenverantwortung | Kein nationales Pflichtcurriculum |
5. Die Rolle der Lehrperson: Vom Wissensvermittler zum Lerncoach
KI verändert die Rolle der Lehrperson fundamental – aber nicht so, wie manche befürchten. Lehrpersonen werden nicht ersetzt. Sie werden in eine neue Rolle gedrängt, die anspruchsvoller ist als die bisherige.
Vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter
Wenn KI-Agenten Informationen liefern, Erklärungen geben und Übungsaufgaben generieren können, verliert die reine Wissensvermittlung an Bedeutung. Was bleibt – und was wächst – ist die Aufgabe der Lernbegleitung: Lehrpersonen müssen Lernprozesse gestalten, motivieren, begleiten und bewerten. Sie müssen entscheiden, wann KI sinnvoll eingesetzt wird und wann nicht.
Die PHZH formuliert es so: «Die Rolle der Lehrperson wird sich dadurch wandeln, aber nicht verschwinden. KI-Tools bieten sowohl für Lehrpersonen als auch für Schülerinnen und Schüler einen klaren Mehrwert – wenn sie pädagogisch begründet eingesetzt werden.»
Neue Kompetenzen für Lehrpersonen
Lehrpersonen brauchen neue Kompetenzen, um KI-Agenten sinnvoll in den Unterricht zu integrieren:
- KI-Grundlagenwissen: Wie funktionieren KI-Modelle? Was können sie, was nicht?
- Prompt-Kompetenz: Wie formuliere ich Aufgaben an KI-Systeme, um nützliche Ergebnisse zu erhalten?
- Kritische Evaluation: Wie erkenne ich fehlerhafte oder verzerrte KI-Outputs?
- Didaktische Integration: Wie baue ich KI sinnvoll in Unterrichtssequenzen ein?
- Ethische Reflexion: Welche Werte vermittle ich im Umgang mit KI?
Diese Kompetenzen sind nicht selbstverständlich – und sie müssen in der Aus- und Weiterbildung systematisch aufgebaut werden. Die Pädagogischen Hochschulen (PH) spielen dabei eine Schlüsselrolle.
Was Lehrpersonen vom System brauchen
Der LCH hat in seinem Positionspapier klare Forderungen an Politik und Schulbehörden formuliert:
- Weiterbildungsangebote: Lehrpersonen brauchen zugängliche, praxisnahe Weiterbildungen zu KI – finanziert und zeitlich ermöglicht durch die Kantone.
- Klare Rahmenbedingungen: Lehrpersonen brauchen klare Vorgaben, welche KI-Tools sie einsetzen dürfen und welche nicht.
- Technische Infrastruktur: Schulen brauchen zuverlässige, datenschutzkonforme KI-Tools – nicht die Eigenverantwortung jeder einzelnen Lehrperson.
- Zeit für Reflexion: Die Integration von KI erfordert Zeit für Erprobung, Reflexion und kollegialen Austausch – Zeit, die im Stundenplan eingeplant sein muss.
6. Konkrete Anwendungsbeispiele aus der Praxis
Beispiel 1: Selzach SO – Viertklässler lernen kritischen KI-Umgang
In der Gemeinde Selzach im Kanton Solothurn lernen bereits Viertklässler den kritischen Umgang mit KI. Lehrpersonen setzen KI-generierte Texte ein, um Schülerinnen und Schüler zu trainieren, Fehler und Ungenauigkeiten zu erkennen. Das Ziel: KI nicht als Autorität, sondern als Werkzeug zu verstehen, das überprüft werden muss.
Beispiel 2: Zürich – KI in der Sprachförderung
In mehreren Zürcher Primarschulen mit hohem Anteil fremdsprachiger Schülerinnen und Schüler werden KI-gestützte Übersetzungstools eingesetzt, um Elternbriefe in die Erstsprachen der Familien zu übersetzen. Gleichzeitig nutzen Lehrpersonen KI-Tools, um Lesetexte in vereinfachter Sprache aufzubereiten – für Kinder, die noch nicht auf dem Niveau der Klasse lesen können.
Beispiel 3: Bern – Differenzierung im Mathematikunterricht
An einer Berner Primarschule setzt eine Lehrperson der 6. Klasse adaptive Lernplattformen ein, die den Lernstand jedes Kindes tracken und automatisch passende Aufgaben zuweisen. Die Lehrperson nutzt die Daten der Plattform, um gezielte Fördergespräche zu führen – nicht um die Plattform die Förderung übernehmen zu lassen.
7. Drei-Phasen-Implementierungsfahrplan für Schulen
Für Schulleitungen und Lehrpersonen, die KI-Agenten schrittweise in die Volksschule integrieren wollen, empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen.
Phase 1: Orientierung und Grundlagen (Monate 1–3)
In der ersten Phase geht es darum, Grundlagenwissen aufzubauen und den Ist-Zustand zu erfassen. Lehrpersonen besuchen erste Weiterbildungen, die Schulleitung klärt die rechtlichen Rahmenbedingungen (DSG, kantonale Vorgaben), und das Kollegium diskutiert gemeinsam, welche Bereiche des Schulalltags von KI profitieren könnten.
Kosten: Weiterbildungskosten ca. CHF 500–1'500 pro Lehrperson, abhängig vom Kanton und Anbieter.
Phase 2: Pilotprojekte (Monate 4–9)
In der zweiten Phase werden konkrete Pilotprojekte gestartet. Zwei bis drei Lehrpersonen erproben KI-Tools in ausgewählten Unterrichtssequenzen, dokumentieren ihre Erfahrungen und teilen sie mit dem Kollegium. Die Schulleitung stellt sicher, dass datenschutzkonforme Tools ausgewählt werden.
Empfohlene Einstiegstools: Kantonal zugelassene Plattformen (je nach Kanton unterschiedlich), educanet2, oder geprüfte internationale Angebote wie Khan Academy.
Phase 3: Systematische Integration (ab Monat 10)
In der dritten Phase wird KI systematisch in den Schulalltag integriert. Es gibt klare Richtlinien für Lehrpersonen, regelmässige Weiterbildungsangebote und ein Monitoring-System, das die pädagogische Wirksamkeit überprüft.
| Phase | Zeitraum | Schwerpunkt | Kosten (CHF) |
|---|---|---|---|
| 1: Orientierung | Monate 1–3 | Weiterbildung, Rechtsklärung | 500–1'500 / LP |
| 2: Pilotprojekte | Monate 4–9 | Erprobung, Dokumentation | 200–800 / Klasse |
| 3: Integration | Ab Monat 10 | Systematischer Einsatz, Monitoring | 1'000–3'000 / Schule/Jahr |
8. Ausblick: Was die Schweizer Volksschule braucht
Die Schweizer Volksschule steht am Beginn einer tiefgreifenden Transformation. KI-Agenten werden den Unterricht verändern – nicht morgen, aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren fundamental. Die Frage ist nicht ob, sondern wie diese Transformation gestaltet wird.
Was die Volksschule braucht, ist kein einheitliches nationales KI-Curriculum – das würde dem Schweizer Bildungsföderalismus widersprechen und wäre zu starr für eine so dynamische Technologie. Was sie braucht, sind:
- Klare Datenschutzstandards für KI-Tools im Schulbereich, idealerweise koordiniert durch die EDK
- Zugängliche Weiterbildungsangebote für alle Lehrpersonen, finanziert durch die Kantone
- Pädagogisch fundierte Unterrichtsmaterialien, entwickelt von den Pädagogischen Hochschulen
- Offene Kommunikation mit Eltern über den Einsatz von KI in der Schule
- Zeit und Raum für Reflexion im Schulalltag
Der Schülerverband hat im Juni 2025 eine nationale KI-Strategie für Schulen gefordert. Der LCH setzt auf die Eigenverantwortung der Lehrpersonen – aber mit klaren Rahmenbedingungen. Beide Positionen haben ihre Berechtigung. Was klar ist: Die Volksschule kann sich der KI-Transformation nicht entziehen. Sie kann sie aber aktiv und pädagogisch verantwortungsvoll gestalten.
Fazit: Chancen nutzen, Grenzen respektieren
KI-Agenten bieten der Schweizer Volksschule reale Chancen: mehr Differenzierung, weniger administrative Last, bessere Inklusion. Aber sie stossen an klare Grenzen: Die pädagogische Beziehung, die kindliche Entwicklung und der Datenschutz setzen Grenzen, die respektiert werden müssen.
Der Lehrplan 21 bietet einen soliden Rahmen für die Entwicklung von Medienkompetenz – aber er muss durch kantonale Initiativen, Weiterbildungsangebote und klare Datenschutzstandards ergänzt werden. Die Kantone reagieren unterschiedlich, aber die Richtung ist klar: KI wird Teil der Volksschule. Die Frage ist, ob Lehrpersonen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, um diese Transformation pädagogisch verantwortungsvoll zu gestalten.
Quellen
[1] Lehrplan 21 – Willkommen beim Lehrplan 21: https://www.lehrplan21.ch/ [2] Kanton Zürich – Künstliche Intelligenz in der Volksschule (Leitsätze): https://www.zh.ch/de/bildung/informationen-fuer-schulen/informationen-volksschule/volksschule-schulinfo-unterricht/kuenstliche-intelligenz.html [3] LCH – Positionspapier «Künstliche Intelligenz in der Schule: Chancen nutzen, Herausforderungen meistern» (Mai 2024): https://www.lch.ch/aktuell/detail/kuenstliche-intelligenz-in-der-schule [4] PHZH – «KI wird die Lernprozesse in der Schule effizienter gestalten»: https://phzh.ch/ueber-die-phzh/aktuell/medien-und-publikationen/akzente-magazin/fokus/ki-wird-die-lernprozesse-in-der-schule-effizienter-gestalten/ [5] Tagesanzeiger – «AI: Wie Schweizer Schulen mit Chatbots und KI umgehen» (Dezember 2025): https://www.tagesanzeiger.ch/ai-wie-schweizer-schulen-mit-chatbots-und-ki-umgehen-320847592476 [6] SOnetwork – «Schule in der Digitalität – KI-Anwendungen» (Februar 2026): https://sonetwork.ch/wp-content/uploads/2026/02/Schule-in-der-Digitalitaet-KI-Anwendungen-Version-2-1.pdf [7] 20 Minuten – «KI in Schulen: Schüler fordern nationale Strategie» (Juni 2025): https://www.20min.ch/story/schuelerverband-fordert-es-braucht-einheitliche-nationale-ki-strategie-fuer-schulen-103371551 [8] education.bkd.be.ch – «Wie KI richtig und sinnvoll nutzen» (PHBern): https://www.education.bkd.be.ch/de/start/rubriken/phbern/education-4-23/wie-ki-richtig-und-sinnvoll-nutzen.html [9] Swissinfo – «Swiss educators rethink foreign language teaching because of AI» (Dezember 2024): https://www.swissinfo.ch/eng/education/edk-president-wants-to-rethink-foreign-language-teaching-because-of-ai/88626772 [10] educa.ch – Positionspapier des LCH zu KI: https://www.educa.ch/de/news/2024/positionspapier-des-lch-zu-ki [11] Kanton Schaffhausen – Schlussbericht LP21 Medien und Informatik: https://schule.sh.ch/CMS/get/file/18d4edae-6550-45b1-8e56-8a438b633598 [12] education21 – Themendossier Künstliche Intelligenz: https://education21.ch/de/themendossier/kuenstliche-intelligenz